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Das neunte Gebot

10 Gebote

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten

Sie dachte jeden Sommer an ihn, seit sieben Jahren. Es fing meistens im Juni an, und es hörte erst im August auf, manchmal sogar im September, je nachdem, wie lange es warm blieb. Sie dachte an seine kurzen, dunklen Haare, an den unangenehmen, erregenden Geschmack seines Kusses an ihrem einzigen gemeinsamen Morgen damals, an die kleinen Falten in seinen Mundwinkeln und unter seinen Augen, wenn er lächelte. Vielleicht, dachte sie, als sie jetzt ins „Adria“ hereinkam und sich an den hintersten Tisch setzte, würde sie ihn zuerst auf die Mundwinkel küssen und dann unter die Augen, und dann würde er ihr sagen, dass sie nicht älter geworden sei, dass sie noch besser aussehe als damals. Und sie würde ihm dasselbe sagen, und sie wüssten beide, dass es nicht stimmte.
Sie hatte das Foto mitgenommen – zur Sicherheit. Sie brauchte es nicht, aber sie hatte ein besseres Gefühl, wenn es in ihrer Handtasche war. Es war das einzige Foto, das sie von ihm hatte. An dem Tag, an dem es gemacht wurde, waren sie zu zweit in Agaton gewesen, er musste für seine Mädchen neue Badeanzüge kaufen, sie brauchte wie immer Geschenke für die schrecklichen Nachbarn, die zu Hause auf die Wohnung aufpassten. Seine Frau wollte nicht mit, und ihr Mann hasste Einkäufe. Also fuhren Nicolas und Gisèle allein in die Stadt. Sie begleiteten einander geduldig in die Geschäfte, sie tranken auf dem Platz hinter der Basilika Granatapfellimonade unter dem weißen Sonnenschirm mit der Philip-Morris-Reklame, und als ein Straßenfotograf mit seiner Polaroidkamera kam, die wie eine Ziehharmonika aussah, ließen sie sich von ihm fotografieren. Später rissen sie das Bild in der Mitte durch, sie behielt die Hälfte, auf der er zu sehen war, er die andere, und vielleicht hatte er ihr Foto heute auch eingesteckt.

Den vollständigen Artikel von Maxim Biller finden Sie auf den Internetseiten des evangelischen Online Magazins chrismon.de hier.

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