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„Ich verkauf keine Früchte, nur die Samen dafür“ – Johannisfest in Chester Hill

Sydney – „Das Wasser bringt uns heute zusammen“, sagte Pastor Thomas Dietl zu Beginn des Gottesdienstes in der Gnadenfrei-Kirche in Chester Hill am Samstag, den 18. Juni. Mit diesen Worten erinnerte er zum einen an den Johannistag am 24. Juni, bei dem Johannis der Täufer, der die Taufe im Wasser des Jordans vollzogen hatte, gefeiert wird. Aber auch im Hinblick auf den heutigen Tag sei es zutreffend, verwies Pastor Dietl auf die Sydneyer Wettervorhersage, die für Samstag den ganzen Tag über starken Regen angekündigt hatte. Die deutsche evangelisch-lutherische Kirche in Sydney hatte daher schweren Herzens kurzfristig ihr geplantes Johannisfest abgesagt, aber dennoch zu einem Familiengottesdienst mit anschließendem Kaffee und Kuchen eingeladen. Der Einladung folgten zahlreiche Gemeindemitglieder aus Nah und Fern und diejenigen, die dem Wasser trotzten, wurden belohnt: Denn kurz vor Beginn der Feier klärte der Himmel unerwartet auf und erfreute die Besucher mit strahlendem Sonnenschein.
„Wir feiern den Geburtstag Johannis’ des Täufers“, betonte Pastor Dietl und fügte scherzend hinzu, dass es in Australien schon einmal erlaubt sei, einen Geburtstag vorzufeiern. „Damit feiern wir auch eine Erinnerung an unsere Taufe.“ Nachdem Pastorin Andrea Pistor aus dem Markus- und Matthäusevangelium vorgelesen hatte, teilten die Pastoren und Gemeindemitglieder ihre Gedanken zur Bedeutung einer Taufe miteinander. Pastor Dietl spielte das Lied „Der Laden“ von Gerhard Schöne (Liedtext siehe unten) vor und verglich die letzten Liedzeilen – „ich verkauf keine Früchte, nur die Samen dafür“ – mit dem Symbol einer Taufe: Hier werde ein „Samen der Liebe“ gepflanzt, der viel Pflege benötige, damit er wachsen und gedeihen könne. Nach dem gemeinsamen „Vater Unser“ und nachdem Pastorin Pistor den Segen gesprochen hatte, sangen zum Abschluss des Gottesdienstes alle Anwesenden das Lied „Das wünsch’ ich sehr, dass immer einer bei mir wär, der lacht und spricht: Fürchte dich nicht.“
Anschließend wurde in der Gemeindestube zu Kaffee und einem vielfältigen Kuchenbuffet eingeladen. Die Kuchen hatten Mitglieder in liebevoller Arbeit selbst gebacken. Weil es in der Zwischenzeit nicht nur sonnig, sondern auch trocken geworden war, konnte das geplante Johannisfeuer doch noch spontan entfacht werden. Kinder und Eltern suchten fleißig Holz und Reisig zusammen. Die kleinsten Gemeindemitglieder erfreuten sich besonders daran, in der lodernden Flamme Marshmallows zu rösten. Bei einem Glas Glühwein oder Kinderpunsch machten es sich alle Besucher rund um das Lagerfeuer gemütlich und auch deutsche Würstchen wurden serviert. Zur Akkordeonmusik von Vorstandsmitglied Mathias Burbach sangen die Anwesenden gemeinsam unterhaltsame deutsche und englische Lieder. Nach Einbruch der Dunkelheit zündeten die Kinder sowie auch viele „große Kinder“ ihre Laternen an und zogen angeführt von Tilman Rust, der mit seiner Gitarre Laternenlieder anstimmte, um das Feuer und das Grundstück herum.

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Die neue Woche in Australien

Der Laden
Von Gerhard Schöne

War es Traum oder wirklich,
als ich in dieser Stadt
irgendwo in Gedanken
einen Laden betrat?
Hinterm Tisch dieser Händler
wirkte irgendwie fremd.
Verbarg mühsam zwei Flügel unterm lichtweißen Hemd.

Das Regal war bis
unter die Decke
voll mit Tüten und
Schachteln gestellt.
Doch im Dämmerlicht
konnt ich nicht sehen,
was die eine um
die andre enthält.

Nun, ich fragte den Händler:
„Was verkaufen Sie hier?“
„Alles was Sie sich wünschen, alles gibt es bei mir.
Das, wonach Sie sich sehnen,
was Sie froh machen kann,
was Sie schon nicht mehr hofften, alles biete ich an.“

Oh, wie hab ich mich
da vor dem Händler
mit dem
Wünscheaufsagen beeilt:
„Sie, ich möchte das
Schweigen der Waffen
und die Brötchen
viel besser verteilt.

Mehr Verstand in die Köpfe,
aus den Augen die Gier,
Eltern Zeit für die Kinder,
Achtung vor jedem Tier.
Helle Zimmer für alle,
Arbeit je nach Talent.“
Als ich Luft holen wollte,
sprach er: „Kleinen Moment!

Sicher haben Sie
mich falsch verstanden,
wie ich hör, wollen
Sie Früchte von mir,
ach nein, nein, ich
verkauf keine Früchte,
nur die Samen dafür.“

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