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Kulturkreis – Die Annektierung von Neuguinea im Jahre 1884

Ein Bericht von Carina Seliger

Am Donnerstag, dem 11. Mai 2017, hat sich eine Gruppe von Interessierten in der Luther Stube in Sydney versammelt, um dem Vortrag von Rainald Roesch über die Annektierung von Neuguinea im Jahre 1884 zu lauschen. Bei einer gemütlichen Runde mit Wein und Knabbereien wurde der Geschichte Neuguineas gespannt zugehört, denn vorher wusste kaum einer, dass das Deutsche Reich damals Neuguinea übernommen hatte:

Während die Westhälfte von Neuguinea holländischer Kolonialbesitz gewesen ist, war der Osten der Insel um 1880 nicht unter Kolonialbesitz, allerdings war dort ein starkes deutsches Handelsinteresse vertreten. Den Antrieb zum Erwerb politischen Einflusses gab dem Deutschen Reich das energische Vorgehen der nächstgelegenen britischen Kolonie in Australien, Queensland, unter der Regierung von Sir Thomas McIlwraith. Dieser entsandte im April 1883 einen Spezialkommissar, der die englische Schutzherrschaft über den ganzen Osten von Neuguinea verkündete. Die britische Regierung in London, die davon nur aus der Presse erfahren hatte, verweigerte jedoch ihre Genehmigung für diese Nacht- und Nebelaktion einer kolonialen Regierung. Bismarck war im Jahre 1883 noch nicht an Kolonialbesitz interessiert. Aber schon im Mai 1884 wurde die Neuguinea-Kompagnie gegründet, welche alsbald den Reisenden Dr. Finsch entsandte. Bismarck gab seinen Segen, Gebiete in Neuguinea zu besetzten, die nicht schon nachweislich anderen Nationen gehörten. Ende Dezember 1884 notifizierte Bismarck die anderen Großmächte von der deutschen „Unterstellung einiger Gebiete in der Südsee unter den Schutz des Reiches“. Rainald zeigte uns die offizielle Note mit handschriftlichen Vermerken Bismarcks vom 23. 12. 1884, die in den Akten des Reichskolonialamts verwahrt ist. Diese deutsche Besitzergreifung rief nun aber in Australien einen Sturm der Entrüstung hervor. Der Zorn der Australier richtete sich gegen Deutschland aber auch gegen das Mutterland England, das es zugelassen hatte, dass Deutschland diese Gebiete annektieren konnte.

Über die eigentliche Grenzziehung einigte man sich mit Hilfe einer deutsch-britischen Kommission, zu deren Mitgliedern auch der deutsche Generalkonsul in Sydney, Dr. Krauel gehörte. Dr. Krauel taucht übrigens auch in der Geschichte der Martin-Luther-Kirche auf, da seine Ehefrau 1882 den Grundstein fü unserer Kirche gelegt hatte.

Die Grenzabmachungen erhielten durch zwei Verträge vom April 1886 ihre endgültige Form. Dadurch hat Deutschland den Nordosten Neuguineas erhalten und England erhielt den Südosten und die Ostspitze. Das deutsche Gebiet erhielt den Namen Kaiser-Wilhelmsland. Später wurde das deutsche Kolonialgebiet in der Südsee noch erweitert und umfasste zusätzlich die Marianen, die Marshall-Inseln, die Karolinen und einen Teil von der Samoa-Inselgruppe. Es lebten aber in diesem ganzen Rieseninselreich nur ca. 1000 Deutsche.

1914 ging die deutsche Kolonialherrlichkeit in der üedsee schnell zu Ende. Japan, Australien und Neuseeland besetzten den deutschen Kolonialbesitz, der ihnen dann als Mandate des Völkerbundes übertragen wurden.

Rainald berichte auch, wie in der Zeit der britischen „appeasement“-Politik der Alptraum eines wieder deutschen Neuguineas die australische Öffentlichkeit beunruhigte. Der britische Plan war, Deutschland seine Kolonien zurückzugeben. Aber es wurde nichts daraus.

Auch heute erinnern noch ein wenig an das Deutsch-Neuguinea aus den 1880er Jahren: Namen wie Neuhannover, Neupommern oder Bismarck-Archipel kommen jeder Generation doch bekannt vor. Durch den wunderbaren Vortrag haben wir ein Stückchen mehr deutscher, aber auch australischer Geschichte dazugelernt. Unsere Pastorin, Andrea Pistor und die Leiterin des Kulturkreises, Helga Koenig, dankten Rainald für seinen Vortrag.

Die Fotos sind von Hartmann Koenig und Tilmann Rust.

Comment(1)

  1. Reply
    Klaus Mellin says

    Sehr interessanter Bericht von einem höchst interessanten Vortrag. Habe wieder etwas dazu gelernt.

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