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Deutsch-Deutsche christliche Begegnungen im kalten Krieg

Treffen der west- und ostdeutschen evangelischen Studentengemeinden in der Tschechoslowakischen Republik im Jahre 1966.

Wer erinnert sich noch an 1966? Die Mauer war gerade fünf Jahre alt, die erste grosse Koalition in Deutschland unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger hatte die kurze und turbulente Kanzlerschaft von Ludwig Erhard abgelöst, in Australien hatte gerade der seit urdenklichen Zeiten regierende Robert Menzies sein Amt niedergelegt.

Ich war Student an der Freien Universität Berlin und Mitglied der evangelischen Studentengemeinde. Im Frühjahr 1966 kam Gemeindeglied Anselm Weidner, der später sehr bekannte Journalist und Hörfunkautor auf uns zu mit der Idee, in den Sommer-Semesterferien ein Treffen mit Freunden aus der Ostberliner Studentengemeinde zu organisieren. Das Treffen sollte unter dem Oberbegriff “Säkulariserung” stattfinden. Wo konnte man sich treffen? West-Berlin kam nicht in Frage, da die Freunde aus der DDR nicht dorthin reisen durften. Irgendwo in der DDR kam auch nicht in Frage, da die Staatsorgane so ein Treffen misstrauisch beäugt haetten. Also entschieden wir uns für Tschechoslowakien, ein “neutraler” Drittstaat!

Neben Anselm Weidner, dem man gebührenderweise die Ehre der geistigen Urheberschaft und Hauptorganisation zubilligen muss, wirkte noch mein Freund und jetzt noch tätiger Rechtsanwalt in München, Alexander Eberth mit. Der verehrte Landesbischof der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Otto Dibelius, unterstützte uns moralisch und auch materiell. Er stellte uns seinen VW-Bus zur Verfügung, der wegen seines roten Anstrichs “Roter Otto” genannt wurde (100% keine Anspielung an die politische Gesinnung seines Besitzers!).

Mit dem Roten Otto ging es dann Anfang August über die Transitstrecke durch die DDR über Dresden nach Tschechoslowakien. Kein Abweichen von der Transitstrecke weder nach rechts noch nach links war zulässig! In Tschechoslowakien ging es nach Nord-Böhmen in die Nähe von Sadova, dem früheren Königsgrätz. Dort hatten unsere Ostberliner Freunde ein Feriendorf ausgemacht mit netten Einzelhütten mitten im Wald auf einer grossen Wiese.

Die Arbeit konnte beginnen!

Das Thema lag irgendwie in der Luft. 1965 hatte Hermann Luebbe ein viel beachtetes Buch unter dem Titel “Säkularisierung: Geschichte eines ideenpolitischen Begriffs” herausgegeben.

Die Idee unserer Tagung war, den Begriff der Säkularisierung unter den drei Aspekten, juristisch-politisch, philosophisch-geisteswissenschaftlich und theologisch zu beleuchten. Ein grosses Unterfangen. Wir waren alle Studenten verschiedener Fachrichtungen aber hatten niemanden unter uns mit höherer akademischer Bildung. Wir mochten da viele Schnitzer gemacht haben und manches Ungerade vorgetragen haben aber der frische Mut eines Drei- oder Viertsemestrigen ist durch nichts zu ersetzen. Der historisch-juristische Teil war wohl noch der einfachste. Säkulariserung, die grosse Bewegung des anfangenden 19. Jahrhunderts, die durch Gewaltakte die tausendjährige Verfassung des alten Reichs mit seinen hunderten von geistlichen Fürstentümern, allen voran den geistlichen Kurfürsten von Köln, Mainz und Trier, ein Ende machte und zugegebenermassen auch die deutsche politische Landkarte wesentlich vereinfachte. Das wunderbare deutsche Wortungetüm “Reichsdeputationshauptschluss” steht dafür.

Mit der philosophisch-politschen Bedeutung des Begriffs wurde es dann schon schwieriger. Er bedeutet die Abwendung der Gesellschaft von der Religion im 19. und 20. Jahrhundert. Karl Marx ist dabei nicht wegzudenken aber auch die liberale Bewegung der Freisinnigen, die in der Religionsfrage denen der politsch allerdings bekämpften sozialistischen Bewegung sehr nahe kam.

Theologische Denker setzten sich mit dem Begriff der Säkularisierung auseinander. Wir fragten uns, vielleicht etwas naiv, ob man den grossen Karl Barth oder den Entmythologisierer Bultmann zu den Säkularisierern zählen kann?

Neben den grossen Debatten kam man sich in der schönen nord-boehmischen Landschaft auch persönlich näher. 1966 war der einhunderte Jahrestag der Schlacht von Königsgrätz. Wir besichtigen das Schlachtfeld von dem erwartungsgemäss nicht mehr viel zu sehen war. Näher ans Herz ging uns Westdeutschen die grosse Belastung, die sich unsere Freunde aus der DDR gegenübersahen durch den Druck der DDR-Behörden, die Bindungen zur EKD zu kappen. Die EKD war eigentlich das einzige institutionelle Band, das Ost- und Westdeutschland noch zusammenhielt. Die DDR wollte dieses Band kappen und setzte die evangelischen Landeskirchen in der DDR unter grossen Druck. Unsere Freunde berichteten von Gesprächen, in denen mit versteckten Drohungen aber auch Versprechen von Vorteilen bei Wohlverhalten, auf eine Abkehr von der EKD hingewirkt wurde. Wir, aus dem Westen, im volkskirchlichen Milieu gross geworden, konnten uns die Gewissensqualen, denen unsere Freunde ausgesetzt waren, nur schwer vergegenwärtigen. Der Druck wurde in den folgenden Jahren größer und 1969 wurde dann der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR gegründet, der bis zum Ende der DDR Bestand hatte.

1967 wurde in weiteres Treffen veranstaltet und für 1968 ein weiteres ins Auge gefasst. Aber die Weltpolitik machte es unmöglich: Sowjetische und Warschauer Pakt Truppen marschierten in die Tschechoslowakische Republik ein. Damit fand dieses kleine, kurzfristige Gesprächsexperiment sein Ende.

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