Schicksalsstunden aus der Geschichte der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche Sydney

Die Geburtsstunde der deutschen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Sydney schlug am Mittwoch, den 28. Februar 1866. An jenem Tag wurde in den Clark’s Assembly Rooms in Sydney (Elizabeth Street) eine konstituierende  Gemeindeversammlung abgehalten. Der Sydney Morning Herald  spricht in seinem Bericht vom 3. März 1866 von einer “zahlreich und respektabel besuchten Versammlung”.

Es werden wohl über einhundert Personen an dieser Versammlung teilgenommen haben. Genau kann man es nicht rekonstruieren. Anhaltspunkte sind jedoch, dass es damals nach Angaben von Gründungsmitglied A. Shadler, wiedergeben in dem o.g. Bericht des Sydney Morning Herald,  etwa  500 Deutsche in Sydney gab und dass an jenem Abend 165 Pfund gespendet wurden, was bei einem, von der Gründungsversammlung beschlossenen Mindestbeitrag von einem Pfund auf die Zahl der Anwesenden schließen lässt. Im Protokollbuch werden etwa 120 Namen vermerkt, die sich in eine Spenderliste eingetragen hatten.

Auf der Gründungsversammlung wurden folgende Beschlüsse gefasst:

  • Es sei an der Zeit und wünschenswert, eine deutsche Kirche in Sydney zu gründen.
  • Die zu gründene Kirche soll “Deutsche Evangelische Kirche” genannt werden.
  • Mitgliedsbeiträge sollen erhoben werden und zwar ein Mindestbeitrag von einem Pfund pro Jahr.
  • Ein Kirchenvorstand soll gewählt werden. Zum Vorsitzenden des ersten Kirchenvorstandes wurde F. Hamburger gewählt.

 

Diese Beschlüsse wurden einstimmig gefasst, auch der über den Namen, den die Kirche erhalten solle. Dazu hatte es in einer “Vorberathung” am 15. Februar noch Unstimmigkeiten gegeben. Eine Minderheit hatte sich für die Bezeichnung “deutsch protestantisch” ausgesprochen. Auf der Grüdungsversammlung hatte dann A. Kirchner den Antrag zur Benennung als “deutsch-evangelisch” dann so begründet, dass der Begriff ‘evangelisch’ sowohl Lutheraner als auch Reformierte umfasse. Dieser Gedanke der Inklusivität hatte bereits in der “Vorberathung” dominiert, in der A. Shadler für einen “liberalen Gottesdienst” plädierte, “an dem alle protestanischen Sekten teilnehmen könnten”. Unterstützt wurde der Antrag von Pastor A.L. Heyde, der dann auch später als erster Pastor der Gemeinde wirkte. Pastor Heyde wird im Protokoll der “Vorberathung” als “junger Theolog, kürzlich von Queensland angekommen” bezeichnet. Er habe, so wurde weiterhin protokolliert, mit der “Grundidee dieser Versammlung” nichts zu tun. Dennoch wird er sogleich zum Pfarrer gewählt. Offensichtlich konnte er die Gemeinde mit zwei Predigten an konsekutiven Sonntagen beeindrucken. Der Bericht im Sydney Morning Herald spricht von einem bemerkenswerten Zufall, dass ausgerechnet zu der Zeit, in der über die Gründung einer Kirche in Sydney nachgedacht wurde, “ein talentierter Pfarrer, der nichts mit den hiesigen Institutionen zu tun habe”, in Sydney erschienen sei. Könnte man von Gottes Fügung sprechen? Pastor Heyde muss, wie es sich aus seinem Pladoyer auf der Gründungsversammlung für die Bezeichnung ‘evangelisch’ ergibt, ein sehr wortgewaltiger Prediger gewesen sein. Jedoch hielt er es nicht sehr lange in der Gemeinde aus. Bereits zwei Jahre später, 1868 kündigte er seine Stellung. Er soll dann Australien verlassen haben und fiel angeblich im Deutsch-Französischen Krieg im Jahre 1870/71.

Über das was mit der Gemeinde in der Zeit nach dem Fortgang von Pastor Heyde, im Zeitraum von 1868 bis 1873 geschehen ist, kann nur spekuliert werden. Das Kirchenbuch mit den Protokollen der Kirchenvorstandssitzungen verzeichnet einen Eintrag am 30 April 1868, was ungefähr mit dem Weggang von Pastor Heyde zusammenfällt. Der nächste Eintrag stammt dann wieder vom 4. Februar 1873. Dieser Eintrag folgt auf der nächsten Seite des Kirchenbuchs, unmittelbar nach dem Eintrags vom 30 April 1868 ohne irgendeine Erklärung, warum es zu dieser fast fünfjährigen Lücke kam. Aber irgendein treues Gemeindemitglied muss das Kirchenbuch sicher aufbewahrt haben sodas es dann als erster Band der Protokolle bis zum Jahre 1909 fortgeführt werden konnte.Eine Erklärung für die Lücke ist, dass von 1868 bis 1873 die Pfarrstelle verwaist war.

Erst 1873 trat ein neuer Pfarrer sein Amt an, der wichtige Impulse für das Wachsen der Gemeinde gab und der insbesondere den Kauf des Bauplatzes und den Bau der Kirche, in der wir heute noch den Gottesdiest abhalten, vorantrieb. Wie Moses sein Volk nicht ins Heilige Land führen konnte, sollte es Pfarrer Gottlob Wilhelm Wörner nicht vergönnt sein, das Beziehen des neuen Gotteshauses durch die Gemeinde mitzuerleben. Obwohl noch ein junger Mann, 1841 in Wildberg im Schwarzwald geboren und auf Fotos mit Vollbart lebens- und kraftvoll dargestellt, verstarb er bereits mit 38 Jahren an der Schwindsucht. Er wurde auf dem Friedhof in Rockwood beigesetzt.

Pastor Wörners Tod war ein schwerer Schlag für die Gemeinde. Sie führte jedoch unbeirrt und zielstrebig das Kirchenleben und den Kirchenbau fort. In einer Urkunde zur Grundsteinlegung im Jahre 1882, die in der Sakristei unserer Martin Luther Kirche hängt, wird erwähnt, dass nach dem Tod von Pfarrer Wörner die sonntäglichen Gottesdienste unter der Leitung von Herrn I.A. Engel regelmässig fortgeführt wurden. In dieser Urkunde wird auch zum ersten Mal der Name von Pastor Hermann Herlitz aus Melbourne erwähnt, der als Förderer und Schutzengel der Gemeinde über Jahrzehnte hinweg agieren sollte. Pastor Herlitz stammte aus Neisse im damaligen Schlesien, und bekleidete das wichtige Amt des Präses der evangelisch-lutherischen Synode von Victoria. In dieser Eigenschaft leitete er die Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung des Kirchengebäudes in der Goulburn Street am 28. Januar 1882.  Ein Jahr später kam er dann wieder zur Eröffnung des Gotteshauses und am 30. März 1884 führte er  Pastor Georg Schenk in sein Amt ein.

Pastor Georg Schenk war ein Glücksfall für die Gemeinde. Er diente ihr mehr als 48 Jahre, von 1884 bis 1932. Seine Ehefrau war viele Jahre an der deutschen Schule in Sydney tätig. In einem Aussatz über ihn heisst es: “Man vergegenwärtige sich , dass also die Geschicke der Gemeinde von Bismarcks Tagen bis gegen Ende der Weimarer Republik in den Händen eines und desselben Mannes gelegen haben. Dies ist umso bedeutungsvoller, als nach den bescheidenen sydneyer Anfängen, nach den wiederholten Unterbrechungen … mit dem Kommen  von Pastor Schenk ein geordnetes  Gemeindeleben überhaupt erst seinen Anfang nimmt.” Unter Pastor Schenk wird auch beschlossen, die Gemeinde fortan “evangelisch-lutherisch” zu bezeichnen.

Aber in seine Amtszeit fielen auch schwere Krisen der Gemeinde. Im Jahre 1909 wird feierlich das 25. Jubiläum der Amtseinführung von Pastor Schenk begangen.

Neben dem deutschen Generalkonsul, Geheimrat Dr. Irmer, nimmt auch der uns schon bekannte Pastor Herlitz an der Feier teil und hält die Festansprache. Er erinnert an den Tag vor 25 Jahren an dem er Pastor Schenk eingefürt habe. Er bezeichnet Pastor Schenk als jemanden mit dem er “in inniger, auch nicht durch den geringsten Hauch getrübter Freundschaft” verbunden gewesen sei. Er fährt fort, dass er wisse, welch schwere Zeiten Pastor Schenk durchgemacht habe, sodass, “wenn seine bisherigen Amtsjahre, wie dies sonst bei besonders schwierigen Stellungen geschieht, doppelt zählten, er heute eigentlich sein 50jährigen Jubiläum feiern könnte”.

Dabei bezieht sich Pastor Herlitz offensichtlich auf die schwere Krise, die die Gemeinde um die Jahrhundertwende betroffen hatte. An der Überwindung der Krise hat nicht nur Pastor Schenk, beherzte Gemeidemitglieder und das Generalkonsulat sondern auch wieder Pastor Herlitz großen Anteil. Es ging vordergründig um das liebe Geld. Aber Hintergrüde waren Mitgliederschwund und eine gewisse Indifferenz der Deutschen in Sydney. Aus den ärgsten Geldnöten half ein “Gnadengeschenk” des deutschen Kaisers, das vom damalingen deutschen Generalkonsul Kempermann vermittelt worden war. Aber die Krise war damit noch nicht überwunden. Pastor Schenk dachte an Rücktritt, da Kritik an seiner Amtführung laut geworden war. Deshalb lud der deutsche Generalkonsul mit einem Aufruf “An die Deutschen in Sydney” für den 13. November 1901 zu einer ausserordentlichen Vollversammlung auf, in der, wie es hiess, “wichtige Beschlüsse von denen das Fortbestehen der Kirche…abhängig sein wird, zu treffen sind”. Pastor Herlitz, der eigens aus Melbourne zu dieser Sitzung angereist war,  gelang es in einer aufrüttelnden Rede sowohl den Fortbestand der Gemeinde zu sichern als auch deren volles Vertrauen in Pfarrer Schenk aussprechen zu lassen. Ein sichtlich gerührter Pfarrer Schenk schöpfte neues Selbstvertrauen, um der Gemeinde weitere 32 Jahre dienen zu können.

Die Gemeinde und er sollten vor noch größere Herausforderungen gestellt werden. Zuerst waren die Geldsorgen nicht behoben. In der Gemeindeversammlung vom 28. April 1913, in der des 30. Jahres seiner Amteinführung gedacht wurde, erklärte Pastor Schenk, dass er danach strebe, die Gemeinde völlig schuldenfrei zu bekommen. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Am 4. August 1914 vermerkte Pfarrer Schenk zum Schluss der Protokolls über die Vorstandssitzung vom selben Tag: “Grossbritannien erklärt am 4. August an Deutschland den Krieg. Der Weltkrieg beginnt.”

Im Weltkrieg wurden in Australien deutsche Männer interniert. Diejenigen, die aus Sydney stammten, kamen in das Lager in Holsworthy. Es gab über die Internierungslager eine lehrreiche Ausstellung im Museum of Sydney. Speziell zum Lager Holsworthy gab e seine Ausstellung im Regionalmuseum Liverpool unter dem Titel “Hinter dem Tor”. Der Kulturkreis der Gemeide besuchte diese Ausstellung. Das Gemeindeleben konnte jedoch, reduziert durch die Männer, weitergehen. Auch durfte weiterhin auf Deutsch gepredigt warden.  Im Protokoll der Gemeindeversammlung vom Sonntag, den 13. April 1916 wird Pastor Schenk zitiert, der ausführte, dass gewiss das verflossene Kriegsjahr ein sorgenvolles gewesen sei, anderserseits sei aber auch “Grund für Lob und Dank dafür, dass die Gemeinde sich noch ihrer Muttersprache bedienen dürfe”. Auch noch 1918, in der Vorstandssitzung vom 28. April, sprach er davon, dass die Gemeinde der Zukunft getrost in die Augen blicken solle. Er fuhr fort: “Der bis jetzt geholfen habe, werde auch weiterhin helfen. Die Gemeinde solle sich als loyale Australier zeigen, dabei aber im Herzen gut deutsch bleiben”. Trotz dieser ermutigenden Worte bleibt festzuhalten, dass die Gemeinde durch die Kriegsereignisse verringert, finanziell geschwächt und von der Umgebung mit Misstrauen betrachtet wurde. Die, wie sich Pastor Herlitz einmal ausgedrückt hatte, “Deutschste aller deutschen Institutionen in Sydney” musste sich ducken. Strengste Gesetzestreue war angesagt, damit, wie Pastor Schenk sagte, die Regierung keinen Anlass habe, gegen die Kirche Massnahmen zu ergreifen.

Noch in der späteren Amtszeit von Pastor Schenk besserte sich die Situation ein wenig, da Einwanderung wieder möglich wurde. Aber dann brach die Weltwirtschaftskrise aus, die auch Australien betraf. 1932 nahm Pastor Schenk in seinem 73. Lebensjahr nach 48 ½ Dienstjahren den Abschied. Als sein Nachfolger wurde Pastor Gustav Lahusen ernannt. Ein neues Kapitel in der Geschichte der Gemeinde war damit aufgeschlagen.