Noch keine Kommentare

Unser Gesangbuch

1524 – Das Geburtsjahr des Gesangbuchs

Ich bin willens, nach dem Beispiel der Propheten und alten Väter der Kirche, deutsche Psalmen für das Volk zu machen, das ist geistliche Lieder, dass das Wort Gottes auch durch den Gesang unter den Leuten bleibe“, schrieb Martin Luther 1523 an seinen Freund Georg Spalatin. (Aus: „damit die ganze christliche Gemein mitsinge“, 11.)

Bisher war es so, dass Mönchs- und Knabenchöre die Messe begleiteten. Die Gemeinde war durch kurze Antwortrufe und gelegent-liche deutsche Strophen in den lateinischen Liedern vertreten. Wir kennen „In duli jubilo / Nun singet und seid froh“ und „Quem pastores laudavere / Den die Hirten lobeten sehre“ oder später „Adeste fideles / Herbei, o ihr Gläubgen“. Schülergruppen zogen umher und sangen für Geld und Gaben „Quempas-Lieder“, so auch der junge Luther. Zu besonderen Feiern wurde das Volk in der katholischen Kirche durch leichte „Leisen“ beteiligt, wie unser „Ge-lobet seist, Jesus Christ… Kyrieleis.“ (eg 23), in dem Luther sechs Strophen an die ursprünglich einzige Strophe anhängte.

Die teilweise vorreformatorischen Böhmischen Brüder und einige Pilgerbewegungen hatten schon deutsche Lieder in Umlauf gebracht. Manchmal erklangen sie in der Messe gleichzeitig zu den lateinischen Messgesängen, die kaum jemand verstand, genauso wenig wie das Abendmahls-„Hokuspokus“: „Hoc est corpus Christi. / Dies ist der Leib Christi.“

Ebenfalls 1523 schreibt Luther die „Formula Missae“, die evangelisch gereinigte, aber noch lateinische Messe. Er wünscht sich „deutsche Gesänge, die das Volk unter der Messe singe“. Doch fehle es an „deutschen Poeten oder Dichtern“, „die uns andächtige und geistliche Gesänge … möchten setzen und anrichten, die da würdig wären, dass man sie in gemeinsamem Gebrauch haben sollte“. (Zitiert nach „Davon ich singen und sagen will“, 12.)

In der „Deutschen Messe“ (1526) hatte Luther zwei Plätze für Gemeindelieder eingeräumt und sein Glaubenslied (eg 183) einge-baut. Letzteres war aber nicht sehr volksnah.

Mit dem Buchdruck wurde es nun möglich, die Lieder unter die (ge-bildeten) Leute zu bringen. Am 1. Juli 1523 wurden in Brüssel die ersten evangelischen Märtyrer verbrannt, worauf Luther sein „Ein neues Lied wir heben an“ als zwölfstrophigen Klagegesang im Stil fahrender Sänger schrieb, der sehr populär wurde.

Damit war der Bann gebrochen. Zum Jahreswechsel 1523/24 erschien in Nürnberg eine lose Sammlung von bereits kursierenden Einblattdrucken als „Etlich Cristlich lider / Lobgesang und Psalm“, das „Achtliederbuch“. Darin ist Luther viermal vertreten: mit „Nun freut euch, lieben Christen g‘mein“ (eg 341), „Ach Gott vom Himmel sieh darein“ (273), „Es spricht der Unweisen Mund wohl“ und „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (299). Von Paul Speratus stammen die beiden „Es ist das Heil uns kommen her“ (eg 342) und „In Gott ge-laub ich, dass er hat“. Ein weiteres Lied ist anonymer Herkunft: „In Jesu Namen wir heben an“.

In Erfurt erschien 1524 das „Erfurter Enchiridion“. Wegen der hohen Nachfrage veröffentlichen zwei Druckereien das Handbüchlein mit einstimmigen Choralmelodien. In der Vorrede wird der alte Kirchengesang als „Geschrei der ‚Baalspriester‘ und ‚Waldesel‘“ beschimpft, während hier schriftgemäße und die Jugend bildende Lieder enthalten seien.

Von Luther waren dies die Lieder zu Glaubensbekenntnis (eg 183) und Geboten (231) sowie die Psalmlieder (273, 280, 299), Über-tragungen alter lateinischer Hymnen (4, 125, 126, 518, 539) und neun weitere Hymnen (23, 214, 215, 341; „Ein neues Lied wir heben an“) – insgesamt achtzehn der 25 Lieder. Paul Speratus hat ein weiteres, Justus Jonas (297), Erhard Hegenwald und Elisabeth Cruciger (67) jeweils eins sowie das anonyme wie oben. In der ei-nen Fassung fehlt Luthers „Gott sei gelobet und gebenedeiet“.

Paul Speratus war knapp dem Scheiterhaufen entgangen und spä-ter Reformator und Hofprediger in Königsberg. Justus Jonas war ein enger Mitarbeiter Luthers. Elisabeth Cruciger war eine entlaufe-ne Nonne und die erste evangelische Liederdichterin. Erhard Hegenwald kam aus dem Umfeld Huldrych Zwinglis nach Wittenberg.

Wittenberg antwortete im selben Jahr 1524 mit dem ersten Chor-gesangbuch „Eyn geystlich Gesangk Buchleyn“, von Martin Luther und dem Kirchenmusiker Johann Walter. Von den 32 Liedern stammten 24 von Luther. Zu denen aus Erfurt gesellen sich nur noch drei, die weiterhin im Evangelischen Gesangbuch stehen: „Nun bitten wir den Heilgen Geist“ (eg 124), „Gott der Vater steh uns bei“ (138) und „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“ (519), allesamt von Luther. In den späteren Ausgaben von 1529 bis 1543 kommen weitere Luther-Lieder hinzu, u.a. das Psalmlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ (1529) und das Kinderlied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ (1535).

Luther beruft sich auf Propheten, Könige und Paulus, „von Herzen geistliche Lieder und Psalmen zu singen, damit dadurch Gottes Wort und die christliche Lehre auf allerlei Weise getrieben und geübt werden. Deshalb habe auch ich – mit einigen andern zusammen -, um einen guten Anfang zu machen und um denen Anlass zu geben, die es besser vermögen, etliche geistliche Lieder gesam-melt, um das heilige Evangelium, das jetzt durch Gottes Gnade wie-der hervorgekommen ist, zu treiben und in Schwang zu bringen…“ (In: Egbert Herfurth, Ein feste Burg, 26.)

Im Jahre 1524 stand ein armer, alter Tuchmacher in Magdeburg am Denkmal Kaiser Ottos I. und sang „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Der Bürgermeister wird auf ihn aufmerksam und lässt den „lutherischen Ketzer“ ins Gefängnis werfen. Daraufhin ziehen 200 Bürger aufs Rathaus und verlangen erfolgreich seine Freilassung. Das Volk übernimmt die Lieder Luthers und bringt sie in die Kirche.

Aus der Stadt Lübeck wird am 4. Dezember 1529 ein blinder Mann gewiesen, weil er Luthers Psalmen singt. Am nächsten Tag stim-men zwei Jungen in der Kirche Luthers „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ (eg 273) an, und alles Volk stimmt mit ein. Einen Monat später ist der Stadtrat überstimmt und stellt zwei evangelische Prä-dikanten an. Am 26. Oktober 1530 führt der Wittenberger Johannes Bugenhagen in Lübeck die reformatorische Ordnung ein. (Nach Dietrich Steinwede, in: Erzählbuch zur Kirchengeschichte 2.)

Während also im Evangelischen Gesangbuch von 1996 19 der 32 Lieder vom Gesangbuch Luthers und Walters 500 Jahre „überlebt“ haben, sind es bei den australischen Lutheranern – immerhin 16!

Die Lieder der ersten drei Gesangbücher, die im eg stehen:

4 „Nun komm, der Heiden Heiland“ (Er, Wi, LH)

23 „Gelobet seist du, Jesu Christ“ (Er, Wi, LH)

67 „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ (E. Cruciger; Er, LH)

124 „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ (Wi, LH)

125 „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“ (Er, Wi, LH)

126 „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“ (Er, Wi, LH)

138 „Gott der Vater steh / wohn uns bei“ (Wi, LH)

183 „Wir glauben all an einen Gott“ (Er, Wi, LH)

214 „Gott sei gelobet und gebenedeiet“ (Er, Wi, LH)

215 „Jesus Christus, unser Heiland“ (Er, Wi, LH)

231 „Die sind die heilgen zehn Gebot“ (Er, Wi)

273 „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ (Nü, Er, Wi, LH)

280 „Es wolle Gott uns gnädig sein“ (Er, Wi, LH)

297 „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ (J. Jonas; Luther; Er, Wi)

299 „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (Nü, Er, Wi, LH)

341 „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ (Nü, Er, Wi, LH)

342 „Es ist das Heil uns kommen her“ (P. Speratus; Nü, Wi, LH)

518 „Mitten wir im Leben sind“ (Er, Wi)

519 „Mit Fried und Freud ich fahr dahin“ (Wi, LH)

Nü=Nürnberg, Er=Erfurt, Wi=Wittenberg, LH=Lutheran Hymnal)

Welche kennen wir? Welche singen wir gerne? Christian Hohl

Einen Kommentar posten