Diesen Text fand ich eben in dem gerade herausgekommenen Newsletter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er stammt von dem deutschen Theologen Claus Westermann. Bald nach dem Tod meiner Frau Angelika habe ich angefangen, Gäste zu mir einzuladen. Mal eine einzige Person, mal ein Ehepaar, auch schon mal zwei befreundete Ehepaare. Die Tages- und damit Mahlzeiten mögen unterschiedlich sein: eine Einzelheit bleibt immer gleich. Jede/jeder Eingeladene findet auf seinem/ihrem Teller ein Blatt mit einem Engeltext. Es ist in der Regel ein einziger Satz oder wenig mehr. Die Reaktionen reichen vom kommentarlosen Beiseitelegen bis zu der Bitte um einen Briefumschlag zum Weitersenden an eine andere Person. Ein Gespräch zum Text gab es noch nie.
„Mein“ Engel ist mir vor etwa 70 Jahren begegnet. Ich habe es noch niemals erwähnt, auch damals nicht meinen Eltern gegenüber. Ich hatte Scharlach, damals zusammen mit Diphterie eine häufige Ursache für den Tod von Kindern. „Mein“ Engel saß im abgedunkelten Zimmer links in der Fensterbank. Man mag jetzt von Fieberträumen reden:
Ich habe meinen Engel gesehen!
Ich habe ihn nie wiedergesehen, doch vielleicht hat er ja mein Leben begleitet und tut es bis heute.

