
Auch 48 Stunden nach dem furchtbaren Anschlag auf eine jüdische Chanukka-Feier am beliebten Bondi Beach im Norden Sydneys herrschen Trauer, Schock und Hilfsbereitschaft vor. Schlangen von Blutspendern nehmen Stunden in Kauf, um die Dutzenden von Verletzten zu versorgen. Zwei Männer, darunter ein syrischer Muslim, riskierten ihr Leben, um das Massaker zu stoppen. Sie gehören wie zwei Polizisten zu den Verletzten. Fünfzehn Menschen, von einer Zehnjährigen bis zu einem Rentner, wurden ermordet, darunter auch ein Helfer und seine Frau.
Wo immer man hinkommt – Schule, Kirche, Öffentlichkeit – herrscht eine tiefe Betroffenheit und Solidarität vor. Als Vizepräsident des Ökumenischen Rates von NSW war ich von Beginn an in die Frage der passenden Antwort involviert; vom deutschen katholischen Kollegen über verschiedene Kirchen wie die Lutherische Kirche von Australien bis zu anderen christlichen und interreligiösen Verbänden erreichten mich Beileidskundgebungen und Aufrufe gegen Gewalt und für den sozialen Zusammenhalt. Das war auch der Tenor der Regierung, während israelische und oppositionelle Kräfte sich auf die Regierung einschossen, die nicht genug gegen Antisemitismus unternehme, zumal sie sich für einen Staat Palästina einsetze.
Solche auf Spaltung zielenden Angriffe erlebten wir auch bei der Frage der „Stimme“ für die indigenen Völker oder bei den Aufmärschen gegen eine nicht-weiße Einwanderung. Das Massaker von Bondi Beach geschah am zwanzigsten Jahrestag der gerade vieldiskutierten White-Australia-Randale gegen muslimische Einwanderer am Cronulla Beach, damals im Süden Sydneys. Vor wenigen Wochen provozierte eine neonazistische Gruppe, die sich als neue Partei formiert, mit einer Aktion „gegen den Einfluss der jüdischen Lobby“.
Was mir Hoffnung macht, sind die vielen kirchlichen und interreligiösen Gebetstreffen und Initiativen zur Abwehr von Hass, Gewalt und Spaltung. Vor achtzehn Monaten war ich bei einem interreligiösen Gebet, in dem die jüdischen und muslimischen Teilnehmenden nicht einfach Gebete für den Frieden verlasen, sondern einander positiv und freundlich antworteten. Dieser Tage halten Juden und Muslime gemeinsame Gedenkveranstaltungen.
Letztes Jahr habe ich bei zwei jüdischen Gemeinden Chanukka mitgefeiert, gemeinsam mit meiner Frau und einer Praktikantin. Ebenso habe ich auch ein muslimisches Straßenfest besucht. Sydney ist eine Stadt, in der viele Religionen und christliche Konfessionen anzutreffen sind und in großer Eintracht zusammenleben. Und eins zeichnet viele Menschen in Australien aus: Wenn andere von Gewalt oder Natur-katastrophen betroffen sind, zeigt sich eine überwältigende Hilfsbereitschaft.
An unseren vier Predigtorten kommen die wohltuende Botschaft der EKD-Ratsvorsitzenden Bischöfin Fehrs und des Auslandsbischofs Kopania und Gedenkminuten gut an, in unseren Fenstern stehen Kerzen aus Solidarität mit dem jüdischen Chanukka.
Christian Hohl, Pastor der Deutsch-sprachigen Evangelisch-Lutherischen Kirche Sydney, 16.12.2025
